UND ER GAB MIR EINEN STEIN

 

 

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Vom schwangeren Sarg und der Reise eines Grabtuchs

« Wer gibt seinen Kindern einen Stein, wenn sie um Brot bitten?» An diese Bibelstelle mag die Künstlerin Vera Staub gedacht haben, als ihr Vater drei Jahre vor seinem Tod die Diagnose Krebs erhielt. Eine Diagnose, die sie wie ein Stein traf. Doch dann nahm sie den Kampf auf, wählte einen tonnenschweren Sandsteinbrocken, gab ihm die Form eines Sarges, liess an ihm alle Wut und Trauer aus.
Und plötzlich begann er sich zu verwandeln, verlor seine Kälte, eine Wölbung entstand, der tote Stein schien zu empfangen, schwanger zu sein.

Wie mit Flügeln
Und auch das Tuch, das die Künstlerin über den Sarg breitet, verwandelt sich, bauscht sich auf, als ob es Flügel hätte. Sie bildet es in Kunstharz nach, legt es in einen Zirkuswagen und zieht mit diesem durchs Land.
An verschiedenen Plätzen macht sie halt, öffnet die Türe, wartet, was geschieht, spürt, wie Passanten auf die plötzliche Konfrontation mit einem Grabtuch reagieren, betroffen die einen, befremdet die andern, manche beglückt.

Innen und aussen
Von all dem erzählt das von Brigitte Schmid-Gugler geschriebene Buch «Und er gab mir einen Stein...» Es ist allerdings nicht einfach ein Protokoll der aussergewöhnlichen Kunstaktion Vera Staubs. Die Autorin schildert das Geschehen von innen her.
« Die Gottheit ist in dir, nicht in den Begriffen und Büchern...», zitiert sie auf der ersten Seite Hesses Glasperlenspiel. Und wie in einem wundersamen Spiel zwischen innen und aussen begegnen sich Künstlerin und Autorin, beginnen sich zu verstehen. Die Künstlerin hat dem Sarg und Leichentuch Gestalt gegeben, die Autorin gibt ihm Sprache: «Das sonderbare Gefährt tuckert durchs Land. In seinem Innern liegt das erstarrte Tuch. Es ist leicht wie ein Lufthauch. So leicht, dass es von einem aufkommenden Sturm gehoben und davongetragen werden könnte...»
Der 750 Kilogramm schwere Stein selber geht nicht mit auf die Reise. Er findet einen Platz bei den Benediktinerinnen im Kloster Fahr. Dort, wo die am Montag verstorbene Dichterin Silja Walter als Ordensschwester lebte.
Sie wurde zur dritten Mitspielerin der Aktion, sie liess sich auf den Stein ein, der ihr vor Augen lag. Und im Briefwechsel mit Brigitte Schmid-Gugler schrieb sie, wie ihr der schwangere Sarg immer vertrauter wurde, wie sie ihn singen hörte.
Die Briefe gingen hin und her, schürften immer tiefer, rührten an das Geheimnis von Zeit und Ewigkeit; von «hier und drüben», wie es Silja Walter nannte. Auffallend, wie achtsam die Benediktinerin auf die Autorin einging. Und wie offen sie von Erfahrungen erzählte, die einem wohl nur im tiefen Schweigen widerfahren: «Das Diesseits ist Ort, das Jenseits Person...» Der schwangere Sarg und das schwebende Leichentuch aber – sie stehen für das Geheimnis, dass Diesseits und Jenseits zu einer Einheit verschlungen sind.

Letzte Fragen
Das Buch von Vera Staub und Brigitte Schmid-Gugler führt zu letzten Fragen; nicht plakativ, sondern behutsam. Alles entwickelt sich aus der Begegnung von Künstlerin, Autorin und Klosterfrau heraus; gemeinsam erlebten sie das Wunder, dass selbst die steinernste Materie mit Hoffnung schwanger geht.

Vera Staub, Brigitte Schmid-Gugler: «Und gab mir einen Stein. Eine Kunstaktion zur Flüchtigkeit des Lebens», Appenzeller Verlag, Herisau 2010. Fr. 28.–

Josef Osterwalder, „Vom schwangeren Sarg und der Reise eines Grabtuchs“, St.Galler Tagblatt, 2. Feb. 2011

 
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