Romperemos un pilar

 

Wanderausstellung mit Zirkuswagen
Detailansicht ‚Tuch‘ vor Wagen
2008
Kunstharz, Glasfaserstoff
55 x 207 x 72 cm
Buch zur Wanderausstellung

 

Wanderausstellung mit Zirkuswagen
2008

 

Wanderausstellung mit Zirkuswagen
2008

 

Wanderausstellung mit Zirkuswagen
2008
Wanderausstellung mit Zirkuswagen
2008

‚Romperemos un pilar‘
eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Sterben
Installation im Zirkuswagen

In der ersten Oktoberwoche 2008 begibt sich Vera Staub auf eine ungewöhnliche Reise. Nicht nur ihr Unterfangen ist aussergewöhnlich, sondern auch ihr Gefährt: ein Zirkuswagen. Sie zieht von Stadt zu Stadt, um den Menschen etwas vorzuführen – zwar keine Kunststücke, dafür Kunst. Sie tut dies allerdings nicht in der Art einer Marketenderin, die ihre Ware feilbietet, sondern als Gedankenstifterin. Die Künstlerin lädt Passanten vor Ort ein, ihren Zirkuswagen zu betreten. Im Innern des Gefährts erwartet den spontanen Besucher jedoch nicht heitere Unterhaltung oder gar Klamauk, sondern nachdenkliche Stille. Der Zirkuswagen entpuppt sich als Sargwagen, als Sterbezimmer, als Abdankungsraum – als Ort des Abschieds, der Trauer und der Besinnlichkeit. Im Gepäck hat Vera Staub zwei Werke, die das Sterben thematisieren. Das erstarrte Leichentuch verweist auf einen abwesenden Sarg (den sogenannten Schwangeren Sarg) und wird so zu einem paradoxen Objekt, das Fülle und Leere vereint. Zudem unterläuft es die Gesetze der Rationalität; was in sich zusammenfallen müsste, steht als elegantes, skulpturales Objekt da – als Symbol der geheimnisvollen ‚Weissen Frau‘, wie sie im spanischen Kinderlied ‚Romperemos un pilar‘ vorkommt? Die Zeichnung hingegen zeigt die Hände des verstorbenen Vaters und legt damit stilles Zeugnis eines persönlichen Verlustes ab.

Vera Staub zeigt ihre Installation an betriebsamen Orten, wo der Gedanke an die Sterblichkeit normalerweise keinen Platz hat. Sie verschafft einem verdrängten Aspekt des Lebens Gegenwart. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Leben, mit der Lebensgestaltung und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Vera Staub bietet mit ihrer Installation einen ungezwungenen Zugang zu schwierigen Gedanken.

Motivation zur Auseinandersetzung mit dem Tod:

es ist ein wunder
was ist ein wunder? gestorben zu werden
gezeugt zu werden zu sterben
zu zeugen  
geboren zu werden es ist ein wunder
zu gebären ist es ein wunder?
gelebt zu werden
zu leben es ist
geschaffen zu werden
zu schaffen

(Kurt Marti, 2007)

Das Gedicht von Kurt Marti war Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zu Geburt, Leben und Tod und lieferte wichtige Anregungen zum Projektzyklus ‚Übergänge‘. Vera Staub setzte sich zunächst in der Arbeit ‚Schwangerkeit‘ mit dem Thema Schwangerschaft auseinander (2006, Turbine Giswil). Dann, im Jahr 2007, klopfte der Tod an die Tür; ihr Vater wurde wegen akuter Erstickungsgefahr notfallmässig ins Spital eingeliefert. Es folgten drei Wochen des Abschiednehmens: bittere Tränen, das sich Eingestehen von Liebe, aber auch von Lebens- und Sterbenswünschen. Das Entgleiten des Gegenübers aus dem Leben, das Bedürfnis nach Essen und Trinken verlierend und allmählich verwirrt durch Morphium, erschütterte. Der Tod war plötzlich greifbar nahe. Die Familie versammelte sich ums Sterbebett, damit der Vater (weiter) gehen konnte – und gab ihm im Banne von Stille und Gelassenheit einen letzten Abschiedskuss mit auf den Weg.

Der Zirkuswagen als Symbol:
‚Romperemos un pilar‘ ist der Titel eines Kinderliedes, das Vera Staub während ihrer Kindheit in Mexiko jeweils mit grosser Inbrunst sang, denn sie glaubte, dass das Lied von ihr, Vera, handle. Erst viel später erfuhr sie, dass der Text richtigerweise ‚ver a doña blanca‘ lautet, also von der ‚Weissen Frau‘ spricht, der Göttin des Todes. Das Kinderlied handelt im Sinne von ‚Lueget nöd ume, de Fuchs goht ume‘ von der Zufälligkeit des Todes.

Der Zirkuswagen steht für die unbegrenzte, heitere Welt der Fantasie, für das Spiel der Maskerade und die Freiheit der Artisten, aber auch für ein unstetes Leben, geprägt von Loslassen und Weiterziehen. Die Unausweichlichkeit, der Kontrast zwischen Lebensfreude und Heimatlosigkeit, zwischen Fülle und Leere verdichtet sich in der Installation ‚Romperemos un pilar‘. Wer den Zirkuswagen betritt, wird überrascht von der Stille und der Leere des Raumes. Der Besucher, herausgerissen aus dem Alltag, findet sich in einer Art mobilem Sterbezimmer wieder, wo das erstarrte, milchig weisse Leichentuch zur meditativen Auseinandersetzung mit dem Tod und der existentiellen Ungewissheit auffordert. Eine Sitzbank lädt zum Meditieren ein.

Vera Staub begibt sich auf eine Reise zu den Menschen, zu Orten hoher Betriebsamkeit und erinnert an das ganz Wesentliche im Leben, den Tod, der in unserer Gesellschaft nur allzu gerne verdrängt wird. Die Reaktionen der Besucher werden aufgenommen und später zu einem Nachfolgeprojekt verarbeitet.

Lucia Angela Cavegn, lic. phil. Kunsthistorikerin Winterthur, August 2008

Buch zur Wanderausstellung